Die Ruhe vor dem Sturm auf dem deutschen Arbeitsmarkt

31. März 2020 - Im März schien der deutsche Arbeitsmarkt von der durch Covid-19 verursachten Wirtschaftskrise zunächst unberührt, die Arbeitslosigkeit ging im Vergleich zum Vormonat leicht zurück. Aber man sollte ich nicht von der neuesten Zahl täuschen lassen, die wie "die Ruhe vor dem Sturm" aussieht: Das deutsche Arbeitsmarktwunder steht vor einem abrupten Ende.

Da der Stichtag für die neuesten Arbeitsmarktstatistiken der 12. März ist, spiegeln sie noch nicht die im März in Kraft getretenen immer aggressiveren Eindämmungsmaßnahmen wider. Ein starker Anstieg der deutschen Arbeitslosigkeit im April und Mai ist daher mehr als sicher. Das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Verwerfungen wird aber vor allem an der Zahl der Kurzarbeiter sichtbar, die in den kommenden Monaten weitaus höher als während der großen Finanzkrise liegen dürfte. Bereits im zweiten Quartal 2020 könnte nicht nur der Höchststand von 1,5 Millionen Mitte 2009, sondern auch die jüngste Schätzung der Regierung von 2,35 Millionen Kurzarbeitern übertroffen werden. Tatsächlich schätzen wir, dass der starke wirtschaftliche Rückschlag im 1. Halbjahr 2020 bis zu 12 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland gefährden könnte.

Das Ausmaß der Verschlechterung des Arbeitsmarktes ist eng mit der Länge der Sperrfrist verbunden. Um die Ausbreitung des Covid-19-Virus zu verlangsamen, wurde die deutsche Wirtschaftstätigkeit weitgehend zum Stillstand gebracht. Eine scharfe - aber vergleichsweise vorübergehende - Rezession à la 2008/09 wird unvermeidlich sein, aber die Länge der Lockdown-Periode wird die Folgen für das Wirtschaftswachstum und den Arbeitsmarkt bestimmen. Ausgehend von den Erfahrungen Chinas haben wir in unserem Basisszenario den wirtschaftlichen Schock mit einer einmonatigen sowie einer zweimonatigen vollständigen Abschottung und - unter der Annahme, dass die Eindämmungsmaßnahmen erfolgreich sind - einer teilweisen, u-förmigen Erholung danach modelliert. Schließlich sind zwar einige Aufholeffekte sicher, aber die Wirtschaftsakteure werden wahrscheinlich zunächst mit einem zusätzlichen Maß an Vorsicht konsumieren und investieren, während einige Lieferketten möglicherweise repariert werden müssen. Wir haben auch die mildernden Auswirkungen der umfassenden politischen Maßnahmen berücksichtigt.

In diesem Basisszenario dürfte die deutsche Wirtschaft im Jahr 2020 bei einer einmonatigen Pause um -1,8% schrumpfen und bei einem zweimonatigen Stillstand um ganze -5%. Selbst bei einer solch relativ kurzen Pause dürfte die Arbeitslosenquote erstmals seit Anfang der 2000er Jahre wieder deutlich ansteigen und zumindest vorübergehend über die 6%-Marke steigen. Damit ist der bemerkenswerte Run des deutschen Arbeitsmarktes der letzten 15 Jahre beendet, in dem sich die Arbeitslosenquote seit 2006 mehr als halbiert hat - von 10,8% auf 5% im Jahr 2019 - und sich weder während der großen Finanzkrise noch während der Staatsschuldenkrise der Eurozone kaum noch bewegt hat. Trotz des Anstiegs der Arbeitslosigkeit im Jahr 2020 - mit Verlusten vor allem im Handels- sowie im Dienstleistungssektor - dürfte die Beschäftigung in unserem Basisszenario weitgehend stabil bleiben.

Eine anhaltende Krise hingegen könnte auf dem deutschen Arbeitsmarkt tiefere Narben hinterlassen. Die Abwärtsrisiken für unser Basisszenario sind nach wie vor groß. Eine länger andauernde Gesundheitskrise mit möglichen Re-Infektionen kann nicht ausgeschlossen werden. Sie würde auch bedeuten, dass die Grenzen geschlossen bleiben und zeitweiliger innerstaatlicher Freiheitsentzug herrscht. Je länger die Wirtschaft die Pausetaste drücken muss, desto schwieriger wird es, den Wachstumsmotor wieder in Gang zu bringen, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich Abwärtsrisiken materialisieren, steigt stark an. In einem solchen Szenario schätzen wir, dass das deutsche BIP um -7% schrumpfen und die Arbeitslosenquote im Jahr 2020 auf über 7% steigen wird, wobei die Zahl der Arbeitslosen mehr als 3 Millionen erreichen wird.