Quo vadis Insolvenzen? Ein Blick auf Deutschland, Österreich und die Schweiz

1. Juli 2020 - 2020 versprach ursprünglich ein eher ruhiges Jahr zu werden. Sicherlich mit einigen Herausforderungen für Unternehmen wie steigende weltweite Insolvenzen, einem weiter schwelenden Handelskonflikt zwischen den USA und China, einigen geopolitischen Hotspots und nur einer leichten Erholung von Weltwirtschaft und Welthandel. Ein Jahr des „Durchmogelns“, mit weiterhin niedrigen Zinsen. Doch dann kam es zur Covid-19-Pandemie, die diese zwar nicht grandiose, aber durchaus zu bewältigende Situation vollständig auf den Kopf stellte. Praktisch kein Stein blieb auf dem anderen und eine Hiobsbotschaft jagte die nächste – mit massiven Auswirkungen nicht nur auf die Gesundheit und die Gesellschaft, sondern insbesondere auch auf die Wirtschaft, Unternehmen und Arbeitsplätze.

Verschlechtern sich die Weltwirtschaft und der Welthandel, schlägt sich dies in der Folge auch bei den Unternehmensinsolvenzen nieder – insbesondere, wenn es plötzlich zu einer tiefen Rezession kommt. Die Covid-19-Pandemie ist ein schwarzer Schwan wie aus dem Lehrbuch, der tiefe Spuren hinterlassen wird. Eine der Folgen wird dabei eine weltweite Pleitewelle sein. Global dürften die Insolvenzen 2020 damit zum vierten Mal in Folge steigen – allerdings mit +20 Prozent in zuletzt ungekanntem Ausmaß. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 lag der Zuwachs noch bei 8 Prozent (siehe Abbildung 1). Dem Welthandel drohen Verluste in Höhe von 3,5 Billionen US-Dollar. Das entspricht, bezogen auf das Volumen, einem 15-prozentigen Rückgang der gehandelten Waren und Dienstleistungen. Dabei ist die Abnahme bei den gehandelten Waren mit -20 Prozent sogar noch deutlicher.
Globale Insolvenzindices 2020
Covid-19: Weltweite Pleitewelle rollt auf Unternehmen zu
In Folge der Ausbreitung von Covid-19 und den weitreichenden Eindämmungsmaßnahmen kam es zu einer Exportkrise, einem Beben an den Finanzmärkten und einem weltweiten Konsumschock. Das belastet die Weltwirtschaft. So wird prognostiziert, dass die weltweite Wertschöpfung in diesem Jahr um 3,3 Prozent sinken wird, was der größten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg entsprechen würde. Das ist ein doppelt so starker Einbruch wie nach der Finanzkrise 2007/2008. Die Verluste werden so hoch sein wie das Bruttoinlandsprodukt von Deutschland und Japan zusammen. Das hinterlässt Spuren, die nicht von heute auf morgen wieder verschwinden werden.

Diese Entwicklung bleibt auch für die Unternehmen nicht folgenlos. Noch nie gab es zeitgleich in so vielen Ländern und in so vielen Branchen einen so heftigen Einbruch. Deshalb ist es in den meisten Fällen aktuell nicht möglich, alternative Abnehmer oder alternative Absatzmärkte zu finden, um den Einbruch abzufedern. Auch bei den Lieferketten verhält es sich ähnlich. Auf die Unternehmen rollt also eine riesige Insolvenzwelle zu. Der Anstieg ist mit 20 Prozent mehr als drei Mal so hoch wie vor der Covid-19-Pandemie erwartet (+6 Prozent). Neben den USA (+25 Prozent) ist insbesondere Europa im Auge des Sturms (+19 Prozent). Hält man sich vor Augen, dass der innereuropäische Handel für die hiesigen Unternehmen von elementarer Bedeutung ist, hat sich die Risikolage in den letzten Wochen und Monaten drastisch verschlechtert.

Das steht in starkem Kontrast zu der Entwicklung vor der Covid-19-Pandemie. So glänzten vor allem viele Staaten in Westeuropa zuletzt mit deutlich sinkenden Insolvenzzahlen – allen voran Deutschland, das 2019 ein neues Rekordtief bei den Pleiten melden konnte.

Deutschland: Auch ohne Covid-19 wären Insolvenzen 2020 vermutlich gestiegen
Auch ohne Covid-19 hätte der schwächelnde Welthandel Europas größter Volkswirtschaft 2020 stärker zugesetzt als in den letzten Jahren. Deutschland ist als Exportnation – ebenso wie Italien – stark vom Welthandel abhängig. Negative Entwicklungen im Welthandel sind in der Bundesrepublik insofern schneller sichtbar als anderswo. Doch die Prognose lag mit einem Zuwachs – dem ersten nach zehn Jahren stetigen Rückgangs – der Insolvenzen von 3 Prozent vor der Covid-19-Pandemie in einem überschaubaren Rahmen, ebenso wie in der Schweiz (+1 Prozent) und in Österreich (+2 Prozent). Doch dann kam die Covid-19-Pandemie und die Prognosen der Fallzahlen schossen schnell in den zweistelligen Bereich.

In Deutschland sollen es im laufenden Jahr nach aktuellen Prognosen (Stand April 2020) mindestens 10 Prozent mehr Pleiten werden. Auch die Schweiz und Österreich liegen mit +10 Prozent und +9 Prozent in einem ähnlichen Rahmen. Damit steht der deutschsprachige Raum im Vergleich zu vielen anderen westeuropäischen Ländern noch relativ gut da. Die von der Covid-19-Pandemie massiv betroffenen Staaten wie Italien (+23 Prozent), Spanien (+24 Prozent), Portugal (+30 Prozent) oder Frankreich (+14 Prozent) stehen vor noch größeren Herausforderungen, zumal sie nicht von einem so niedrigen Insolvenzniveau wie Deutschland kommen und in den Vorjahren keinen stetigen Rückgang zu verzeichnen hatten.

Trügerische Sicherheit: Trotz sinkender Fallzahlen haben sich Schäden seit 2015 verdoppelt
Allerdings trügt das Bild bei der Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland auch etwas, da es längst nicht so homogen ist, wie es die Zahlen vermuten lassen. Ein zweiter Blick ist hier also durchaus lohnenswert. Die Fallzahlen waren seit insgesamt zehn Jahren rückläufig. Allerdings haben sich die durchschnittlichen Schäden bei Insolvenzen seit 2015 verdoppelt. Außerdem häuften sich im vergangenen Jahr viele Großinsolvenzen. Besonders viele Großinsolvenzen gab es 2019 im Handel, in der Automobilindustrie, im Dienstleistungssektor sowie in der Metall-, Textil- und Energiebranche. Vorsicht ist dabei gerade bei großen Namen geboten. Sie schützen im Zweifelsfall nicht vor der Pleite. Einige sehr namenhafte Unternehmen sind 2019 bereits zum zweiten Mal in die Insolvenz gerutscht – ein Trend, der dies unterstreicht. Bekannte Großunternehmen wie Loewe, Kettler oder auch Beate Uhse meldeten bereits zum zweiten Mal Insolvenz an. Zu den nach Umsatz größten Insolvenzen zählten aber auch Thomas Cook, die Fluggesellschaften Condor und Germania, das Windenergieunternehmen Senvion, der Automobilzulieferer Eisenmann, der Buchgroßhändler Koch, Neff und Volkmar (KNV) oder das Modeunternehmen Gerry Weber.

Schäden und Großinsolvenzen nahmen also zuletzt deutlich zu – trotz der rückläufigen gesamthaften Insolvenzzahlen. Auch wenn die Entwicklung bei den Fallzahlen in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern in den letzten Jahren relativ positiv war, ist nicht alles Gold, was glänzt. Denn durch die Gesamtentwicklung wiegen sich viele Unternehmen in falscher Sicherheit, da die deutlich gestiegenen Schäden die Risiken fast unbemerkt ansteigen ließen, ohne dass sich alle Unternehmen dessen voll bewusst waren.

2020 sieht es durch die Covid-19-Pandemie und damit auch erstmals wieder steigenden Fallzahlen nicht nach einer Trendwende aus. Auch wenn der Schutzschirm, den Kreditversicherer und Bund über die deutsche Wirtschaft gespannt haben, sicherlich dazu beitragen dürfte, dass die Entwicklung abgemildert wird. Mit dem dadurch geschaffenen Vertrauen in den Handel verschafft der Schutzschirm den deutschen Unternehmen eine verhältnismäßig gute Ausgangsposition für die Zeit nach der Krise, sodass sich die Entwicklung 2021 eventuell wieder abmildern könnte. Auch die Antragspflichten für Insolvenzen wurden bis September ausgesetzt, weshalb sich die Fallzahlen vor allem im zweiten Halbjahr häufen dürften.

Schweiz und Österreich: Berg- und Talfahrt bei den Fallzahlen
Die Insolvenzzahlen in den Nachbarländern Österreich, Schweiz und Deutschland zeigten in den letzten Jahren nicht immer eine parallele Entwicklung. Verzeichnete Deutschland zuletzt einen recht linearen Rückgang, gab es in der Schweiz und Österreich eher eine Berg- und Talfahrt bei der Entwicklung der Fallzahlen. Das liegt aber vor allem daran, dass in beiden Ländern die Fallzahlen wesentlich geringer sind als in Deutschland. Aufgrund der geringeren Basis ist der durch «Ausreißer» verursachte Ausschlag nach oben und unten entsprechend grösser, wodurch die Entwicklung auf den ersten Blick weniger linear erscheint. Allerdings ist der Trend in den letzten Jahren trotzdem vergleichbar.

Nach der Finanzkrise 2007/2008 stiegen die Fallzahlen in der Schweiz und Österreich zunächst – wie in vielen anderen Ländern – deutlich an. Von 2011 bis 2014 waren die Schweizer Unternehmen in relativ ruhigen Fahrwassern unterwegs – mit teilweise deutlichen Insolvenzrückgängen oder zumindest stabilen Fallzahlen. In den darauffolgenden vier Jahren kam es zu einem Anstieg. 2019 sanken die Fallzahlen dann erstmals wieder. Diese Entwicklung wird sich allerdings durch die Covid-19-Pandemie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit umdrehen. Obwohl sowohl die Schweiz als auch Deutschland stark vom Export abhängig sind, unterscheidet sich die Produktpalette der Exporteure stark. Dementsprechend können sich die Insolvenzzahlen in den kommenden Monaten unterschiedlich entwickeln.

Die Situation in Österreich
Die österreichische Wirtschaft befand sich seit einigen Jahren in einer Phase mäßigen Wachstums. Die hohe Dynamik der Vorjahre schwächte sich 2019 jedoch deutlich ab. Während das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2018 noch um 2,7 Prozent wuchs, verlangsamte sich das Wachstum 2019 auf 1,7 Prozent. Für das Jahr 2020 wurde vor der Covid-19-Pandemie ein Wachstum von 1,5 Prozent prognostiziert. Aktuell rechnet Euler Hermes mit einem Rückgang von etwa 9 Prozent. Bei den Insolvenzzahlen kam es in Österreich im Jahr 2019 zur Trendwende. Nach Jahren rückläufiger Fallzahlen gab es im abgelaufenen Jahr erstmals wieder eine leichte Zunahme um 1,4 Prozent. Im langfristigen Vergleich hielt sich Österreich mit rund 5 000 insolventen Unternehmen – bezogen auf die Anzahl aller Unternehmen – allerdings stabil. Vor der Covid-19-Pandemie ging Euler Hermes von einem geringfügigen Anstieg der Insolvenzen um 2 Prozent aus.

Wie in fast allen Volkswirtschafen wird auch die österreichische Wirtschaft durch die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie schwer beeinträchtigt. Die Regelungen zur Schließung von vielen Geschäften und Betrieben sowie die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, die Mitte März in Kraft traten, ziehen Umsatzeinbußen und Einkommensverluste im Handels- und Dienstleistungsbereich nach sich. Der Reiseverkehr ist gegenwärtig praktisch komplett zum Erliegen gekommen. Auch in der Industrie machen sich Störungen der Lieferketten und der Produktion bemerkbar. In der Bauwirtschaft stellten einige Unternehmen bereits die Bautätigkeit ein. Zur Unterstützung der betroffenen Personen und Betriebe schnürte die Regierung im März zwei Hilfspakete mit einem Gesamtvolumen von insgesamt 38 Milliarden Euro. Ruhe vor dem Sturm: Regierung versucht, Wirtschaft zu stützen – Antragspflichten sind ausgesetzt Im ersten Quartal 2020 waren die Insolvenzen in Österreich deutlich rückläufig.

Insgesamt gab es einen Rückgang von 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Vergleicht man allerdings die Insolvenzzahlen pro Monat, zeigt sich ab Mitte März ein deutlicher Anstieg. So wurden ab Mitte März 50 Prozent mehr Verfahren eröffnet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Sieben der zehn größten österreichischen Insolvenzen im ersten Quartal 2020 gab es in der Branche „unternehmensbezogene Dienstleistungen“ und im Bau- beziehungsweise Baunebengewerbe. Das war durchaus überraschend, denn üblicherweise steht das Gastgewerbe an zweiter Stelle bei den Insolvenzen. Auch das kann sich aber in Folge der Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 in den kommenden Monaten schnell wieder ändern. Die österreichische Bundesregierung unternimmt derzeit sehr viel, um eine Insolvenzwelle hinauszuzögern und abzumildern. So hat sie die Antragspflichten bis Ende April ausgesetzt und die Frist zur Einbringung eines Antrags von 60 auf 120 Tage verlängert. Zudem wurde auch der Insolvenzgrund der „Überschuldung“ bis Juni 2020 ausgesetzt. Darüber hinaus werden Überbrückungskredite an Unternehmen für Kurzarbeitergeld bis Ende Juni 2020 vor Anfechtungen geschützt, auch wenn sie an ein überschuldetes Unternehmen vergeben werden.

Die oben beschriebenen Maßnahmen – vor allem die Verlängerung der 60-Tage-Frist auf 120 Tage – werden dazu beitragen, dass vor allem Eigenanträge in die Zukunft geschoben werden. Auch Finanzämter und Gesundheitskassen haben eine Art Moratorium auf Konkursanträge vorgesehen, sodass in den nächsten Wochen auch diese ausbleiben werden. Das wird dazu führen, dass im zweiten Quartal 2020 die eröffneten Verfahren noch weiter sinken werden. Der Kreditschutzverband (KSV) rechnet im zweiten Quartal 2020 mit rund 40 bis 45 Prozent des Insolvenzniveaus eines normalen Jahres. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.