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Halbleiter-Realpolitik: Ein Realitätscheck für Europa

27. Mai 2021 - Die industrielle Autonomie Europas bei Halbleitern ist in weite Ferne gerückt. Die erneute Verknappung von Halbleitern hat eine der Schwachstellen Europas aufgezeigt und die Europäische Kommission dazu veranlasst, sich das Ziel zu setzen, den Anteil der Region an der globalen Halbleiterproduktion bis 2030 auf 20% zu erhöhen. Außerdem soll die Chip-Produktion unter Verwendung der fortschrittlichsten Fertigungstechnologien (5nm-Knoten und darunter) hochgefahren werden. Wir finden jedoch, dass diese Ziele nicht nur zu ehrgeizig, sondern auch unnötig sind.

Um von 6% auf 20% der weltweiten Chip-Produktion zu kommen, müsste Europa weit mehr investieren als die gesamte Branche. Chinesische, taiwanesische und südkoreanische Unternehmen sind den europäischen Unternehmen in dieser Hinsicht jedoch weit voraus. Darüber hinaus müsste Europa über den Zeithorizont 2030 hinaus einen entsprechenden Bedarf an Halbleitern entwickeln, denn die räumliche Nähe der Produktion ist entscheidend. Europas Bedarf an Chips kommt hauptsächlich aus dem Automobil- und Industriesektor, die zusammen nur etwa 20% des weltweiten Chipumsatzes ausmachen. Der Halbleiterbedarf der Region ist in den letzten 15 Jahren weitgehend unverändert geblieben, während sich die weltweite Nachfrage nach Chips im gleichen Zeitraum verdoppelt hat. Das Fehlen einer lokalen Nachfrage macht auch das Ziel, lokale hochmoderne Chipherstellungskapazitäten zu haben, fragwürdig.

Stattdessen sollte Europa auf lange Sicht spielen und Chips dort platzieren, wo sie am wichtigsten sind. Die Unterstützung könnte dort konzentriert werden, wo der Bedarf am akutesten und bewiesen ist, d.h. in Fertigungskapazitäten, die den europäischen Automobil- und Industriesektor bedienen. Diese Branchen werden in den nächsten 10 Jahren eine wachsende Nachfrage verzeichnen, da Autos und Industriegüter umweltfreundlicher und digitaler werden. Nach dem Vorbild der USA, Chinas, Südkoreas und Taiwans könnte Europa Investitionen in lokale Fertigungskapazitäten durch eine Mischung aus Steuererleichterungen und Zuschüssen anregen. Um sich vor zukünftigen Schwachstellen zu schützen, können Investitionen dort konzentriert werden, wo der Wettbewerb vergleichsweise offener erscheint und Europas zukünftige Bedürfnisse sicher sind. Ein stärkeres Ökosystem von kritischen zukünftigen Halbleitertechnologien mit einer großen Anzahl von Anwendungen in allen europäischen Industrien, einschließlich künstlicher Intelligenz und in einer ferneren Zukunft Quantencomputing, würde mit Sicherheit die zukünftige Abhängigkeit Europas von ausländischen Komponenten und Technologien reduzieren und sich in einer natürlich breiteren Halbleiterfertigung niederschlagen.