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Die große Wiedereröffnung: neue Chancen, alte Risiken

10. Juni 2021 - Die Weltwirtschaft fährt wieder hoch. Welche Risiken sind dabei zu beachten, und welche Chancen ergeben sich?

Zusammenfassung:
Die Impfstoffsicherheit wird die große Wiedereröffnung prägen. Während die fortgeschrittenen Volkswirtschaften bei den Impfkampagnen geliefert haben, sind die Impfstoffzurückhaltung und die Impfstoffe der zweiten Generation die Prioritäten erster Ordnung. In der Zwischenzeit kann die Unterimpfung in Asien und in den Schwellenländern zu desynchronisierten Wachstumspfaden führen.

Ein vielschichtiger Aufschwung: Hochdruckwirtschaft in den USA, Tiefdruckwirtschaft in Europa. Wir erwarten ein globales BIP-Wachstum von +5,5 % im Jahr 2021, wobei die USA ein klarer Outperformer sind. In Europa wird die Rückkehr zum Vorkrisenniveau im Vergleich zu den USA ein Jahr länger dauern (Q1 2022) und die Rückkehr zum Wachstumspfad vor der Krise vier weitere Jahre - wenn sie überhaupt stattfindet.

"Revenge spending" der Konsumenten findet statt, aber die verbleibenden Einsparungen belaufen sich auf 500 Mrd. EUR in Europa und 1 Billion USD in den USA. Der Konsum wird die Erholung anführen, da wir erwarten, dass der Nachholbedarf in den USA und Großbritannien 3 % des BIP und in Europa etwa 1,5 % des BIP erreichen wird. Allerdings bleibt das Hortungsverhalten aus Vorsichtsgründen bestehen, was politische Entscheidungen auf dem Weg dorthin erschwert.

Inflation, welche Inflation? Engpässe auf der Angebotsseite (Rohstoffe, Transportkapazitäten, Arbeitskräfte) werden die Kosteninflation wahrscheinlich bis Ende 2021 auf einem Fünfjahreshoch halten. Die Preissetzungsmacht der Unternehmen bleibt begrenzt, vor allem in Europa. Die Kaufkraft der Haushalte wird unter Druck stehen, da die Beschäftigungslücke (4 Millionen Arbeitsplätze in der Eurozone und mehr als 7 Millionen in den USA) die Lohninflation in Schach halten wird. Eine monetäre Inflation ist jedoch nicht zu erwarten, da die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes auf einem Rekordtief liegt.

Der faustische Pakt zwischen expansiver Fiskal- und Geldpolitik bleibt bestehen. Wir erwarten, dass die Zentralbanken geduldig sein werden, bevor sie die Zinsen im Jahr 2023 anheben (einige Ausnahmen: Norwegen, Neuseeland, Großbritannien bis September 2022). Die globale Gesamtverschuldung stieg 2020 um mehr als USD 24 Billionen, davon USD 12 Billionen öffentliche Schulden und USD 12 Billionen private Schulden. Die Schwellenländer sind anfälliger für einen plötzlichen Stimmungsumschwung an den Märkten, der eine ungeordnete Anpassung von Währungen und Schulden erzwingen würde.

Europa steht vor einem politischen Scheideweg, aber keine Wiederholung der Krise von 2012 im Jahr 2022. In der Eurozone werden der EU-Fonds der nächsten Generation und die EZB die Erholung unterstützen und den "finanziellen Stress" in Schach halten, während die deutsch-französischen Wahlen für politische Überraschungen sorgen könnten.

Kreditrisiko unter Kontrolle: Das Insolvenzpuzzle geht weiter, da die Unternehmensverschuldung auf neue Höchststände gestiegen ist, aber auch die Liquidität in den Bilanzen, und die Liquiditätsunterstützung für Unternehmen wird bis 2022 anhalten. Europäische Nicht-Finanzunternehmen werden ihre Margen im Durchschnitt um 1,5 Prozentpunkte erhöhen müssen, um ihre Verschuldung tragfähig zu machen.

Grün ist das neue Schwarz der Industriepolitik. Der Übergang zu einem saubereren Wachstumsmodell erfordert die Definition einer echten neuen Industriepolitik, die aus der Generierung neuer fiskalischer Ressourcen, der Subventionierung des Übergangs, dem Schutz heimischer Produzenten und Investitionen in die Infrastruktur besteht. Im Zeitraum von 2021 bis 50 müssen die jährlichen Investitionen im Energiesektor im Vergleich zu heute um etwa 1 % des globalen BIP steigen, um eine Netto-Null-Energiewende zu ermöglichen. Mit USD 1,3 Billionen müssen die Investitionen in erneuerbare Energien das höchste Niveau übertreffen, das jemals für die Versorgung mit fossilen Brennstoffen ausgegeben wurde (USD 1,2 Billionen im Jahr 2014).

Das politische Risiko bleibt inmitten eines neuen US-Paternalismus und eines taktischen Multilateralismus bestehen. Die USA haben eine neue Welle von globalen und multilateralen Initiativen zum Klimawandel und zur Steuerpolitik gestartet. Eine solche Wiederbelebung des internationalen Engagements bedeutet jedoch nicht zwangsläufig einen unselektiven Multilateralismus: Bislang waren die USA im Jahr 2021 am aktivsten mit handelsprotektionistischen Maßnahmen und China und Deutschland am zielgerichtetsten (in der Nettobetrachtung). Während die asiatisch-pazifische Region eine gewisse Beschleunigung bei der Ausweitung und Umsetzung von Freihandelsabkommen (z. B. RCEP, CPTPP usw.) erleben könnte, ist sie nicht immun gegen bereits bestehende geopolitische Spannungen, die sich mit der Kovid-19-Krise verschärft haben (z. B. China und die "Quad").

Die "Risk-on"-Musik der Märkte spielt weiter, aber wir müssen dabei die endogenen finanziellen Instabilitäten im Auge behalten. Die meisten Anlageklassen laufen vor der großen Wiedereröffnung und der starken politischen Unterstützung weit besser als erwartet. Aber das Aufwärtspotenzial ist jetzt begrenzt, während wachsende Ungleichgewichte die Risiken nach unten erhöhen.