Wirtschaften mit Weitsicht

Finanzielle Herausforderungen für Familienunternehmen

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Familienunternehmen gelten als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Je nachdem, welcher Studie man Glauben schenkt, repräsentieren sie 87 % bis 94 % aller deutschen Unternehmen und stellen ca. 57 % aller Arbeitsplätze. Sie erwirtschaften über die Hälfte des deutschen Bruttoinlandproduktes und zahlen über 46 Milliarden Euro an Ertragssteuer in das deutsche Staatssäckel. Mit anderen Worten: Familienunternehmen sind absolut systemrelevant für die deutsche Wirtschaft und verdienen daher besondere Aufmerksamkeit.

Ein besonders wichtiger Faktor, der über Erfolg oder Misserfolg dieser Unternehmen entscheiden kann, ist ihre Strategie in Sachen Finanzierung. Schließlich kann mangelnde Liquidität in Folge einer nicht gesicherten Finanzierung ein Unternehmen schnell in die Insolvenz stürzen. Neben falschen strategischen und operativen Entscheidungen kann dabei auch die falsche Wahl der Finanzierung maßgeblich zu einer bedrohlichen Schieflage führen. Zwar sind sich viele Unternehmen darüber bewusst, dass sie ihr Risiko in Punkto Investitionen, Kunden und Lieferanten streuen sollten. In Bezug auf ihre Finanzierungspartner schenken sie einer Risikodiversifizierung jedoch oft noch zu wenig Aufmerksamkeit. Hier ist Wirtschaften mit Weitblick gefragt!

Familienunternehmen: Konservative Finanzierungsstrukturen
Zwischen Familien- und Nicht-Familienunternehmen gibt es dabei deutliche Unterschiede, wenn es um die Unternehmensfinanzierung geht. Eine Besonderheit des deutschen Finanzierungsmarktes (im Gegensatz zu den USA oder Großbritannien) sticht dabei besonders heraus: Eine Finanzierung über den Kapitalmarkt ist hierzulande nur von untergeordneter Bedeutung. In Deutschland kommt nach wie vor den Banken eine zentrale Rolle zu – für Familienunternehmen stellen sie ganz klar die bevorzugte externe Finanzierungsquelle dar. Sicherlich: Familienunternehmen ist nicht gleich Familienunternehmen, aber grundsätzlich zeichnen sich die Finanzierungsstrukturen von Familienunternehmen dadurch aus, dass sie eher konservativ und wenig diversifiziert sind. Das macht Unternehmen oft weniger flexibel, wenn es darum geht, liquide Mittel freizusetzen. „Konservative Finanzierungsstrukturen“ meint hier: Fremdkapital wird möglichst vermieden. Stattdessen werden Lösungen bevorzugt, die eine tendenziell geringere Verschuldungsquote mit sich bringen. Ganz klar erkennbar ist bei Familienunternehmen außerdem flächendeckend eine übergeordnete Finanzierungshierarchie: An erster Stelle steht eine Finanzierung über thesaurierte Gewinne, also Unternehmensgewinne, die nicht ausgeschüttet, sondern im Unternehmen belassen werden. Erst wenn diese Rücklagen verbraucht sind, werden Investitionen mittels Fremdkapital finanziert.

Der Weg zur Hausbank: Das Allheilmittel?
Der nächstliegende Weg ist dann für viele der Weg zu Hausbank: Sie räumt nicht nur eine Betriebsmittellinie ein, sondern gewährt auch langfristige Darlehen. Gerade im ländlichen Raum, wo viele deutsche „Hidden Champions“ ihren Unternehmenssitz haben, spielt dabei das langfristig aufgebaute Vertrauensverhältnis zwischen regional ansässiger Bank und Unternehmen eine entscheidende Rolle. Anders als auf dem Kapitalmarkt muss der Unternehmer seine vertraulichen Unternehmensdaten und Finanzberichte nämlich keinem breiten Publikum zugänglich machen, sondern lediglich seinen wenigen sorgfältig ausgewählten (und oft persönlich bekannten) Finanzierungspartnern. Darüber hinaus punkten Familienunternehmen insbesondere bei der Kreditprüfung durch Hausbanken mit ihrer guter Reputation und ihrer risikoaversen und langfristigen Geschäftsorientierung – eine vermeintliche Win-Win Situation für beide Seiten.
Einige Unternehmen wählen noch eine andere Alternative, um ihre konservative Kapitalstruktur zu wahren: Sie setzen ihre Investitionen einfach aus. Erst wenn wieder genug eigene Mittel verfügbar sind, wird Geld investiert. Damit jedoch verschenkt ein Unternehmen nicht nur potenzielle Wachstumschancen, sondern auch den Erhalt seiner gegenwärtigen Marktposition – und das alles nur im Dienste der Kapitalstruktur.

Der Investitionsbedarf von Familienunternehmen wird rasant steigen
Eine aktuelle gemeinsame Studie von Euler Hermes und Roland Berger bestätigt, dass Familienunternehmen insgesamt höhere Eigenkapitalquoten aufweisen als andere Unternehmen, und dass ihr Investitionsbedarf hinsichtlich Innovationen und Digitalisierung in den nächsten Jahren rasant steigen wird (www.eulerhermes.de/fu-studie). Mit Hilfe eines stringenteren Working Capital Managements können Familienunternehmen zwar Potenziale bei der Innenfinanzierung heben, aber tendenziell erfordert der steigende Investitionsbedarf womöglich ein Umdenken in der Wahl der Finanzierungstruktur – und das in einer Zeit, in der sich die Refinanzierungsbedingungen sehr stark verändern.
Die Kreditnachfrage in Deutschland hält weiter an – bei steigender Tendenz. Über eine Billion Euro beträgt das Gesamt-Kreditvolumen nach Statistiken des Bundesverbandes deutscher Banken. Das unterstreicht: In der deutschen Unternehmenslandschaft hat die Bankenfinanzierung eine absolute Vormachtstellung. Gleichzeitig zeichnet sich in der deutschen Wirtschaft eine Wachstumsschwäche ab, wenn nicht gar eine Rezession. Die Wachstumsprognosen für die nächsten Jahre fallen jedenfalls eher ernüchternd aus – da sind sich die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), das Institut für Weltwirtschaft (IfW) oder auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in ihren Voraussagen einig.

Bankenregulierung kann auch Unternehmen treffen
Sollte dieser Abwärtstrend anhalten und die Kreditrisiken zunehmen, könnte sich die gegenwärtig noch wohlwollende Zeichnungspolitik deutscher Finanzinstitute und auch der Hausbanken schnell ändern. Die mögliche Folge: Die Kreditvergabe könnte einbrechen, was deutsche Familienunternehmen wiederum vor massive Probleme stellen würde.
Und noch ein weiterer Stein wird den Unternehmen zukünftig indirekt in den Weg gelegt: Die sogenannte „Basel-IV-Regulierung“. Dieses Reformpaket der internationalen Bankenregulierung soll die Bankinstitute krisenfester machen. Es erfordert von Banken ein strafferes Risikomanagement und eine höhere Eigenkapitalhinterlegung. Die bis 2022 in nationales Recht zu überführende Richtlinie schränkt die internen Kreditbewertungsmodelle der Banken stark ein.
Das soll eine Vereinheitlichung der Risikobewertung europäischer Großbanken sicherstellen. Nach der neuen Regelung kann eine Bank nur noch bis zu 27,5 % von der vereinheitlichten Risikobewertung abweichen. Die Möglichkeiten der Banken, ihre Risiken individuell und aus ihrer eigenen Sicht anzusetzen, werden somit sehr stark beschnitten. Gleichzeitig wird den Kreditinstituten damit die Möglichkeit genommen, ihre Risiken künstlich kleinzurechnen – ein wichtiges Ziel im Hinblick auf die Sicherstellung der Stabilität des europäischen Bankensektors.

Finanzierung in Deutschland: Drei zentrale Entwicklungen
Die Finanzierungsrahmenbedingungen in Deutschland werden gegenwärtig von drei zentralen Entwicklungen geprägt: von der veränderten europäischen Geldpolitik, von der konjunkturellen Abkühlung sowie der verschärften Eigenkapitalanforderung für europäische Banken. Es besteht die Gefahr, dass sich diese drei Entwicklungen gegenseitig potenzieren und sich dies schnell und drastisch auf die Kreditvergabe im Mittelstand auswirkt. Während sich die Finanzierungslücke in Deutschland in den letzten Jahren verkleinert hat, besteht nun die Gefahr, dass sich dieser Effekt umkehrt. Die Folge wären Finanzierungsengpässe im Mittelstand und die Gefahr von Insolvenzen – und damit einhergehend die Gefährdung von Arbeitsplätzen. Wie also sollten Familienunternehmen auf den steigenden Investitionsbedarf und die sich verändernden Refinanzierungsbedingungen reagieren?

Investitionen gehören in jede Finanzierungsplanung
Generell gilt: Investitionen gehören in jede Finanzierungsplanung und sollten nicht zu Gunsten konservativer Finanzierungspräferenzen ausgesetzt werden. Denn: Eine Unternehmung kann nur dann langfristig erfolgreich sein, wenn sie auch langfristig wettbewerbsfähig bleibt. Bleiben Investitionen aus, so leidet die Wettbewerbsfähigkeit unweigerlich. Wenn Familienunternehmen, getrieben von Langfristigkeits- und Stabilitätsgedanken, möglichst wenig Schulden aufnehmen, so erweisen sie sich in Punkto Wettbewerbsfähigkeit selber einen Bärendienst. In Bezug auf die sich verändernden finanziellen Rahmenbedingungen ist eine proaktive und vor allem transparente Finanzkommunikation zu allen Stakeholdern ratsam. Auch wenn sich niemand gerne in die Karten schauen lässt: Transparenz schafft Vertrauen, gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten!

Finanzierung streuen
Ebenfalls ratsam ist es, die Finanzierung über mehrere Finanzierungspartner und -produkte zu streuen. Neben der klassischen Bankenfinanzierung sollten daher auch alternative Instrumente wie Leasing, Factoring, Asset Backed Securities, Debt Crowdfunding oder Schuldscheine genutzt werden. Eine weitere wertvolle Möglichkeit: Anzahlungen des Kunden für zu erbringende Leistungen oder zu liefernde Waren und Güter. Solche Anzahlungen können in der Regel durch Bürgschaften und Garantien (sogenannte Avale) abgesichert werden und sind daher genau so viel wert wie bares Geld. Neben Banken stellen auch B2B-Versicherer wie Euler Hermes Avale für Unternehmen bereit. Das sorgt nicht nur für eine Diversifizierung der Finanzierungspartner, sondern auch für eine Entlastung der eigenen Kreditlinie bei der Hausbank.
Mit den richtigen Maßnahmen lässt sich so auch in unsicheren Zeiten viel erreichen: Mehr Flexibilität in den Entscheidungen, mehr Spielräume in Sachen Liquidität und vor allem eine stabile Finanzierung des eigenen Unternehmens.

 

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