Von Waren und Viren

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28.02.2020
David Nolan | Vorstand für Market Management und Vertrieb bei Allianz Euler Hermes Deutschland

Es ist eine traurige Ironie: In den letzten Wochen wurde viel über wirtschaftliche Indikatoren gesprochen, wegen derer eine weltweite Rezession drohen könnte. Und dann kommt quasi aus dem Nichts ein (biologischer) Virus und richtet vermutlich mehr Schaden an, als es ein Hacker-Angriff oder so manche Negativbilanz je könnte. Deswegen sage ich (wirtschaftlich gesehen): „Winter is here“!

Das heißt aber nicht, dass die wirtschaftlichen Aussichten nicht auch ohne Coronavirus nach wie vor bedenklich sind. Eine Rezession konnte 2019 in Deutschland gerade noch vermieden werden, aber für 2020 ist keine Erholung in Sicht. Das liegt an diversen, zum Teil hausgemachten, Problemen: Deutschland kämpft mit dem Strukturwandel und droht, seinen langjährigen Wettbewerbsvorteil zu verlieren (mehr dazu in einer aktuellen Analyse unser Top-Ökonomen).

Mit +0,6% wuchs das deutsche BIP um die geringste Rate seit der Staatsschuldenkrise in Europa. Für 2020 wird keine Entlastung erwartet und das BIP-Wachstum sich voraussichtlich auf saisonbereinigt +0,5% verlangsamen. Vor allem angesichts der Aussichten für den Welthandel und die Automobilindustrie sowie der hohen politischen Unsicherheit in Bezug auf Handel und Brexit bleibt das Risiko bestehen, dass gut zehn Jahre ununterbrochenes Wirtschaftswachstum in Deutschland 2020 ihr Ende finden.

Grafik 1: Abbildung 1: Deutschland reales BIP (%, y/y)
Abbildung 1: Deutschland reales BIP (%, y/y)
Quellen: Refinitiv, Allianz Forschung

Wenn jetzt noch die traditionellen Wachstumsmotoren des verarbeitenden Gewerbes und der Exporte ins Stocken geraten, weil das Land mit dem Strukturwandel nicht Schritt halten kann oder Deutschland den Technologiezug verpasst, können langjährige Wettbewerbsvorteile in der Industrie und insbesondere im Automobilsektor verloren gehen. Und dann könnten deutsche Waren auf dem Weltmarkt an Bedeutung verlieren.

Nehmen wir alleine den Automobilsektor: Auf ihn entfallen 5% des BIP und ein Drittel der gesamten Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Dass Deutschland auf ewig ein Automobilland bleiben wird, ist jedoch kein Naturgesetz – der Produktionsrückgang 2018/19 zeigt das deutlich. Der Übergang zu Elektrofahrzeugen ist nicht aufzuhalten und wird weitreichende Folgen für die Branche haben, da sich der Schwerpunkt in der Produktion von hochkomplexen mechanischen Systemen auf die Elektronik verlagert. Diese wird derzeit hauptsächlich in Asien produziert, und selbst wenn die Produktion in Europa schnell steigen würde, gehen Studien davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren bis zu 400.000 Arbeitsplätze durch die Verlagerung auf Elektrofahrzeuge gefährdet sein könnten.

Abbildung 2: Autoproduktion, Exporte und Neuzulassungen (gleitender 12-Monatsdurchschnitt, in Millionen)
Quellen: VDA, Allianz Forschung.

Und jetzt kommt noch der Coronavirus hinzu! Das ist in mehrerer Hinsicht fatal. Zunächst einmal ist China einer der wichtigsten Handelspartner. "Millionen Firmen am Abgrund: Gigantische Pleitewelle rollt auf China zu", schreibt der seriöse Nachrichtensender NTV. Laut einer Umfrage der Chinesischen Vereinigung Kleiner und Mittlerer Firmen (CASME) haben rund ein Drittel der befragten Betriebe Barreserven, die für höchstens einen Monat ausreichen, um ihre Fixkosten zu decken. Ein weiteres Drittel könnte noch einen weiteren Monat überleben. Allianz-Chefökonom Mohamed El-Erian spricht sogar davon, der Coronavirus werde China „paralysieren“ und damit das globale Wachstum stark schwächen – auch, weil er schlicht nicht durch Maßnahmen einer Zentralbank bekämpft werden kann.

Das ist für Deutschland als exportabhängige Nation eine beunruhigende Nachricht. Der Export macht 46,9% des deutschen BIP aus, und China ist eines der wichtigsten Exportzielländer (an dritter Stelle hinter den USA und Frankreich). Nur ein Beispiel, was für Auswirkungen jetzt schon messbar sind: Autoverkäufe in China sind in der ersten Februarhälfte um 92% eingebrochen, und Deutschland liefert 11,3% seiner Autos nach China. Die exportabhängige deutsche Industrie wäre bei einer anhaltenden weltweiten Ausbreitung des Virus besonders betroffen – etwa, wenn es zu Lieferengpässen bei aus China bezogenen Vorleistungsprodukten kommt.

Doch auch in Europa – und Deutschland – ist das Virus mittlerweile angekommen und wird für entsprechende Auswirkungen, auch auf die Wirtschaft, sorgen.

Das bedeutet ganz konkret: Für deutsche Unternehmen steigt das Risiko, entweder selbst direkt von entsprechenden wirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen betroffen zu sein, oder aber, dass einzelne Glieder der eigenen Lieferkette (Supply Chain) oder Endabnehmer im In- oder Ausland „umkippen“ – was genau so fatale Auswirkungen haben kann.

Bereits zu Anfang des Jahres haben unsere Analysten vorausgesagt, dass die Insolvenzen in Deutschland in diesem Jahr erstmals nach langer Zeit wieder steigen werden (+3%) und auch weltweit die Insolvenzen anwachsen werden (+6% im Schnitt mit einem Anstieg der Insolvenzen in vier von fünf Ländern) – und das war vor dem Coronavirus. Wird dieser bis Ende April nicht unter Kontrolle gebracht, könnte es sogar zu einer größeren „Disruption“ der Supply Chain und der Weltwirtschaft kommen. Aber selbst, wenn das nicht geschieht: Auch ohne Coronavirus sind alle Zutaten für einen wirtschaftlichen Abschwung da. Australien, Japan, Hongkong und Singapur befinden sich bereits in der Rezession. Was in China passieren wird, bleibt abzuwarten. Aber zu glauben, dass es dieses Jahr in Deutschland eine positive Entwicklung gibt, wäre naiv.

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