Interview Ludovic Subran

„Zahlen lügen nicht, aber…“

Ludovic Subran ist Chef-Ökonom der Euler Hermes-Gruppe. Der gebürtige Franzose  ist als Redner und Kolumnist heiß begehrt – schließlich treffen er und sein Team vielbeachtete Voraussagen zur wirtschaftlichen Entwicklung. Auch zur Entwicklung von Insolvenzzahlen, in Deutschland und weltweit. Im Interview gibt uns Subran Einblicke in seine spannende Arbeit – und verrät, was er mit Ärzten gemeinsam hat.

Was wollten Sie eigentlich als Kind werden? „Ökonom“ stand bestimmt nicht auf der Wunschliste…
Ich wollte Arzt werden! Aber ein Mathelehrer überzeugte mich (und meine Eltern!), dass ich zu gut in Mathematik und Physik war und dass ich zu den französischen Grandes Ecoles gehen sollte. Ich wurde Ingenieur für Datenwissenschaft (damals sagten wir Statistik!) und entdeckte die Ökonomie für meinen Abschluss. Zu Euler Hermes gegangen bin ich wegen der unübertroffenen Datenbasis und den positiven Auswirkungen, die wir auf Unternehmen haben. Und weil es mir die Möglichkeit gab, mich täglich mit CFOs und CEOs zu treffen, um wirklich zu verstehen, was in der Realwirtschaft passiert.

Wahrsager sagen die Zukunft voraus. Sie tun dasselbe – basierend auf Zahlen. „Zahlen lügen nicht“, sagt ein Sprichwort in Deutschland. Stimmt das?
Wirtschaft und Prognose haben den Anschein einer Wissenschaft, weil es Zahlen gibt, und zwar sehr genaue. +1,5% Wachstum des BIP in Deutschland, +3,4% Wachstum des Handels. Unterschiedliche Berechnungs- und Auswertungs-Modelle und viel Gehirnschmalz fließen ein in die Produktion dieser Zahlen. Aber genauso wichtig wie die Zahlen sind die Voraussagen, die man auf Basis dieser Zahlen trifft und die Entscheidung, welche Zahlen man überhaupt wie teilt. Zahlen lügen nicht, aber Menschen, die sie benutzen, könnten Lügner sein!

Zahlen (und besonders große Mengen von Zahlen) sind für viele Menschen langweilig. Warum sind sie es nicht?
Je größer die Datensätze sind, die wir bekommen, desto glücklicher sind wir! Dann versuchen wir, Zusammenhänge zu verstehen und Muster und Kausalitäten zu finden. Viele Daten helfen bei der Triangulation, stellen also sicher, dass wir mit verschiedenen Methoden zu den gleichen Ergebnissen kommen. Glauben Sie mir, es ist viel schöner, an Ländern und Wirtschaftssektoren mit zu vielen verfügbaren Daten zu arbeiten als an Ländern ohne Daten. Die Datenqualität spielt heute eine große Rolle.

Was fasziniert Sie persönlich an der Makroökonomie?

Ich mag Wissenschaft, die mit den Menschen in Verbindung steht, und die Makroökonomie ist genau das: Kaufkraft, Währungen, Ersparnisse und Vermögensverwaltung betreffen jeden von uns. Mein Arbeitsfeld umfasst Soziologie und Geschichte genauso wie Mathematik. John Maynard Keynes wünschte sich, dass Ökonomen genauso „bescheiden und kompetent“ sein sollten wie Zahnärzte. Sehen Sie, ich bin doch Arzt geworden!
 
Was reizt Sie an Ihrem Job am meisten?
Den „Ah!“-Moment im Auge des Anderen zu sehen, ist wunderbar. Anderen zu helfen, sehr komplexe ökonomische Phänomene zu verstehen, die Entscheidungsfindung in einem Unternehmen zu beeinflussen, jemandem etwas beizubringen, was er nicht wusste, Wissen zu teilen: Das sind die Gründe, warum ich diese Arbeit mache.

Und was ist die größte Herausforderung?
Nuancen zu vermitteln und sicherzustellen, dass die Menschen die Grenzen der Wissenschaft kennen. Von Ökonomen wird oft erwartet, dass sie auf alles eine klare Antwort haben, aber so funktioniert es nicht.

Wie arbeitet Ihr Team?
Wir sind knapp 20 Leute und haben einen 360-Grad-Blick auf die Wirtschaft, von den Finanzmärkten über Haushalte bis hin zu Unternehmen. Wir bieten Ökonomieanalysen für Risiko- und Investitionsabteilungen, Finanzen und Handel, sowie Unterstützung für Vertrieb und Kommunikation als Vordenker, durch unsere Berichte. 50 Prozent davon sind intern, 50 Prozent extern.
Ein typischer Tag beinhaltet viel Lesen und Rechnen, Schreiben und Austausch unter uns über unsere Szenarien und Prognosen. Oftmals geht es darum, auf dringende Anfragen von Kollegen oder Kunden zu reagieren oder unsere neueste Analyse vor Hunderten von Interessenten vorzustellen. Unsere Arbeit ist sehr vielfältig und erfolgt in hohem Tempo.

Was machen Sie mit dem, was Ihr Team produziert?
Ich bin nur der Dirigent eines gut ausgebildeten Orchesters. Mein Team erledigt die ganze Arbeit, ich bewege nur meine Hände und entscheide, wer lauter spielen muss, weil ich die Melodie mag! (Lacht) Meine Aufgabe ist aber auch, sie vor „Büropolitik“ zu schützen, damit sie ihre Arbeit effektiv erledigen und ihre Ideen, Zeit und Energie mit Kunden und Interessengruppen verbringen können – und nicht mit IT- oder Budget-Fragen. Ich will Kreativität anregen, sicherstellen, dass wir über den Tellerrand hinausschauen und Spaß dabei haben.

Sie und Ihr Team haben es mit einer Unmenge Daten zu tun. Wie filtert man die entscheidenden Informationen heraus und kommt zu einem Ergebnis?

Wir haben drei Arten von Daten: Verwaltungsdaten, die lange Stunden des Sammelns, Bereinigens und Analysierens erfordern; firmeneigene Daten aus unseren Datenbanken und aus anderen Abteilungen, die unsere Forschung noch genauer machen; und Expertenurteile: Ein Netzwerk von 2000 Analysten und Agenten, die täglich mit Unternehmen sprechen! Wir sind wie Ärzte (schon wieder!) oder wie Polizisten; wir testen Annahmen, suchen nach ergänzenden Daten oder Gründen für das, was wir gefunden haben, und versuchen dann, es möglichst einfach zu erklären, damit die Leute es verstehen.

Die Insolvenzberichte sind ein sehr begehrtes „Produkt“ von Euler Hermes. Wie wird eine Insolvenzprognose eigentlich erstellt?
Das Thema Insolvenzen ist besonders spannend, weil es an der Schnittstelle steht zwischen Wirtschaft und Business, zwischen Makro und Mikro. Das Gehirn hinter den Insolvenzprognosen in meinem Team ist Maxime Lemerle. Er fing vor über zehn Jahren an, diese Zahlen zu sammeln, und seitdem hat er immer etwas Kluges über Insolvenzen zu sagen! Maxime arbeitet mit einem Netzwerk von Experten in allen Ländern zusammen, um sicherzustellen, dass die Zahlen sinnvoll und vergleichbar sind, erstellt dann Prognosen auf der Grundlage der Inputs des Ökonomenteams (BIP-Wachstum, Zinssätze, Währungen), und voilá!

Warum sind diese Insolvenzprognosen so wertvoll für Unternehmen?

Kreditmanager müssen antizipieren, wann die Kreditrisiken steigen, um Korrekturmaßnahmen zu ergreifen – z.B. eine Verkürzung der Zahlungsfristen oder Monitoring. Wir sind die einzige Quelle mit Prognosen für 50 Länder. Lustiger Nebeneffekt: Die Konkurrenz kopiert unverhohlen unsere Zahlen und nutzt unsere Grafiken, ohne sich die Mühe zu machen, wenigstens die Farben zu ändern. Das ärgert uns aber nicht, im Gegenteil: Es ist der ultimative Beweis dafür, dass wir irgendetwas richtig machen müssen.

Wie gehen Sie mit der Verantwortung um, die mit dem einhergeht, was Sie tun? Schließlich kann eine Prognose, die Sie treffen, große Auswirkungen haben.
Eine kluge Unternehmenssteuerung und kollektive Intelligenz steuern dazu bei, dass unsere Empfehlungen und Vorhersagen sorgfältig geprüft werden und wir durchaus auch unterschiedliche Standpunkte einnehmen. Das hilft auch, die Last der Verantwortung zu teilen!
Mein Team trifft sich quartalsweise mit dem Risikoteam, um zu sehen, was die wirtschaftlichen und die versicherungstechnischen Indikatoren zeigen. Wir haben eine gute Erfolgsbilanz, die für uns spricht, aber wir können natürlich immer falsch liegen, etwas verpassen, oder müssen uns korrigieren. Also arbeiten wir von Quartal zu Quartal und bleiben demütig.

Haben Sie wegen Ihrer Analysen schon einmal Probleme bekommen – rufen zum Beispiel CEOs oder Politiker an, um sich über bestimmte Vorhersagen zu beschweren?

Das geschieht mindestens einmal pro Woche, von Kollegen, Kunden oder tatsächlich auch Ministern! Jeder denkt, dass er ein Ökonom ist, und viele urteilen nur auf Basis der Titelseite einer Zeitung – was es noch schlimmer macht. Einige dieser Reaktionen waren Lebenslektionen für mich: Ich hatte mit Böswilligkeit, Machiavellismus oder subtilen Bedrohungen zu tun. Sehen Sie, mein Job ist gefährlich! (Lacht) Dann atmen wir tief durch, lächeln und erklären ruhig unsere Sichtweise, unsere Unabhängigkeit, wie wir dazu gekommen sind (die Millionen von Datenpunkten und Überprüfungen – die Methode beruhigt die Menschen oft), warum eine Zeitung ein berechtigtes Interesse daran hat, die Geschichte so zu drehen, und so weiter.

Werten Sie eigentlich Ihre eigenen Prognosen und Vorhersagen aus? Können Sie sagen, wie viel Prozent Ihrer Vorhersagen richtig waren?
Wir wurden mehrmals von Bloomberg, Consensus Economics oder Oxford Economics unter den besten Prognostikern ausgezeichnet, und wir erhalten viele Glückwünsche von Kunden, Maklern und Kollegen zu unseren genauen Prognosen. Mein Team freut sich dann, weil es zeigt, dass die Leute genauso ein Auge darauf haben wie wir. Aber bei unseren politischen Annahmen haben wir uns auch oft geirrt: Brexit-Volksentscheid, Trump-Wahlen, um nur einige zu nennen. Das Problem ist, dass wir überhaupt erst aufgefordert werden, solche Vorhersagen zu machen, obwohl wir nur Ökonomen sind!

Erzählen Sie uns von „Mind your receivables“!

Die Idee dazu hatte ich unter der Dusche!  „Mind your receivables“ (zu Deutsch: „Behalten Sie Ihre Forderungen im Blick“) ist ein kostenloses Tool für unsere Kunden, das wir auf der Gruppen-Webseite von Euler Hermes bereitstellen (Link s. Infokasten). Es analysiert die für Unternehmen kritischen Kennzahlen zu Bezahlung und Insolvenz. Ich hatte gerade diesen Kerl getroffen, der an Datenvisualisierung arbeitet, ein Startup. Und eines Morgens dachte ich, wie es wäre, wenn wir Allen Zugang zu Zahlungsverzögerungen, Nichtzahlungen und Insolvenzzahlen geben könnten, damit sie nicht mehr zu uns kommen müssen, um zu fragen. Wir haben es in drei Monaten entworfen und programmiert! Aber das Konzernmarketing war nicht überzeugt, sie wollten es nicht einführen. Dann haben wir einen Award dafür gewonnen, und auf einmal wollten es alle. Jetzt haben wir Tausende von Aufrufen, generieren Kundenkontakte, erhalten tolles Feedback und sind dem Wettbewerb voraus. Gerade bereiten wir eine zweite Web-App namens Trade Snap vor, die über Handelschancen und -risiken informieren und vor allem kleinen und mittleren Unternehmen helfen soll, im Ausland zu wachsen.

Noch eine ganz andere Frage zum Schluss: Welche Vorurteile über Franzosen sind wahr - und welche nicht?
Wir sind so arrogant. Lesen Sie einfach dieses Interview! (Lacht)

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