„Gut Ding will Weile haben“ – Euler Hermes veröffentlicht weltweite Branchenstudie

18.03.2014
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Regionen: Asien & Pazifik (APAC) mit geringstem Risiko, Westeuropa mit dem höchsten

Hamburg, 18. März 2014 – „Gut Ding will Weile haben“ – unter diesem Titel hat Euler Hermes seine jüngste Branchenanalyse veröffentlicht. Der weltweit führende Kreditversicherer sieht darin insgesamt wesentlich geringere globale Branchenrisiken als noch Mitte 2013. Allerdings ist die für 2014-2015 prognostizierte Erholung der weltweiten Wirtschaft nach Ansicht der Experten gemäßigt und sehr heterogen. Euler Hermes rechnet deshalb nicht branchenübergreifend mit einem schnellen Wachstum.

„Das weltweite Wirtschaftswachstum wird sich nicht von heute auf morgen auf den Gewinn von Firmen jeglicher Größe und Branche durchschlagen, insbesondere nicht im weiterhin herausfordernden Umfeld in Europa“, sagte Ludovic Subran, Chefökonom bei Euler Hermes. „Viele Branchen werden sich in 2014 nur sehr langsam erholen oder sogar stagnieren.“

Europa: herausforderndes Umfeld bleibt, Deutschland als eine der wenigen positiven Ausnahmen
In Europa bietet sich ein gemischtes Bild. Mit wenigen Ausnahmen kommt die europäische Wirtschaft insgesamt nur langsam in Schwung, hohe Lohn- Energiekosten und Steuern machen hiesigen Firmen ebenso zu schaffen wie anhaltender Wettbewerbsdruck, steigender Finanzierungsbedarf und Inflationsrisiken. Vor allem die europäische Baubranche ist stark betroffen: In mehr als zehn europäischen Ländern befindet sich das Gewerbe in einer starken Rezession. Insgesamt verlangsamte sich der Rückgang zum Jahresende jedoch zunehmend, was bei den Experten Anlass zur Hoffnung gibt, dass die Talsohle erreicht ist. Deutschland verzeichnete entgegen dem allgemeinen Trend in Europa zuletzt einen deutlichen Zuwachs bei der Genehmigung neuer Bauprojekte.

In Südeuropa (Griechenland, Italien, Portugal, Spanien), aber auch teilweise in den Niederlanden und Irland, macht sich die Eurokrise und die dadurch angestiegene Arbeitslosigkeit bemerkbar, die direkte Auswirkungen auf den Einzelhandel haben. Die einzigen Ausnahmen in diesem insgesamt eher schwachen europäischen Gesamtbild sind Deutschland, seine beiden Nachbarländer Österreich und die Schweiz sowie Skandinavien. In Deutschland erwarten die Euler Hermes Wirtschaftsexperten vor allem bei den Autobauern (+3-4%), der Lebensmittel-, Chemie- und Pharmaindustrie sowie in der Luftfahrt,
Informations- und Telekommunikationsbranche Zuwächse.

Euler Hermes Studien analysieren Staaten, die zusammen 95% des globalen BIP darstellen
Euler Hermes analysiert laufend mögliche Risiken für 17 Branchen in 72 Ländern und damit Staaten, die insgesamt 95% des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) darstellen. Die Wirtschaftsexperten bewerten die einzelnen Sektoren in jedem Land nach niedrigem, mittlerem, erheblichem und hohem Risiko und leiten daraus eigene Prognosen für die künftige Entwicklung von Nachfrage, Finanzierung, Profitabilität und Geschäftsklima ab.

Sehr langsame Erholung der weltweiten Märkte – nur 25% mit niedrigem Risiko bewertet
In 9 von 10 Fällen, hat sich das globale Branchenrisiko zu 2013 nicht verändert. Auch 2014 überwiegen weiterhin eher „risikoreiche“ Sektoren: Für 49% der Branchen sieht Euler Hermes ein mittleres Risiko, für weitere 25% sogar ein erhebliches oder hohes. Dies bedeutet gleichzeitig, dass sich nur rund ein Viertel der analysierten Branchen sehr robust zeigt und die Wirtschaftsexperten diese 2014 deshalb mit einem sehr geringen Risiko bewerten.

Weltweit begann das Jahr 2014 für die Textil-, Bau- und Luftverkehrsbranchen mit dem höchsten Risiko. Den Sektoren Chemie, Pharmazie und Lebensmittel hingegen bescheinigt Euler Hermes weiterhin ein sehr geringes Gefahrenpotenzial.

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Grafik: Weltweite Branchenrisiken in 2014

Niedriges Risiko: robuste Entwicklung; sehr gute oder ziemlich gute Aussichten
Mittleres Risiko: Anzeichen von Schwäche, mögliche Verlangsamung des Wachstums
Erhebliches Risiko: strukturelle Schwächen
Hohes Risiko: bevorstehende oder bereits identifizierte Krise

Textilindustrie: Die Produktion in Europa stagnierte in 2013 erstmals wieder nach einer Dekade des Einbruchs. Lange Zeit unterlag die Branche direkt den Schwankungen des Konsums der Verbraucher. Haupttreiber der Industrie bleiben auch künftig die Produktionskosten.

Baugewerbe: Für 2014 erwartet Euler Hermes positive Entwicklungen auf regionaler und nationaler Ebene, so auch in Deutschland.

„Im November 2013 verzeichnete die Bundesrepublik trotz des fortschreitenden demografischen Wandels 12% mehr Baugenehmigungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum“, sagte Ulrich Nöthel, Vorstandsmitglied von Euler Hermes. „Die Talsohle scheint langsam durchschritten und wir erwarten eine langsame Erholung in der Baubranche.“

In Europa prognostizieren die Euler Hermes Experten ein Wachstum zwischen -1 und +1%, was jedoch nicht ausreicht, um allen Unternehmen ein sicheres Auskommen zu sichern. Weltweit lastet ebenfalls weiterhin ein erheblicher Druck auf der Branche. 2013 verzeichnete das Gewerbe mit einem weltweiten Anstieg von 3% auf ein Gesamtvolumen von nunmehr rund 9.300 Milliarden US-Dollar nur ein geringes Wachstum. Das Insolvenzrisiko in der Baubranche bleibt bei bis zu 20% des weltweiten Bruttoinlandsprodukts weiterhin hoch, während der globale Durchschnitt bei etwa 7% liegt.

Papier: Die Anpassung der Produktionskapazitäten sollte das derzeitige Preisniveau stabil halten. Eine der größten Herausforderungen für die Papierindustrie ist die verstärkte Nutzung von Onlinekommunikation und elektronischer Geräte wie beispielsweise Smartphones oder Tablets.

„In Europa ist die Nachfrage dadurch im vergangenen Jahr um 4% gesunken“, sagte Nöthel. „Die Stärke der europäischen Papierproduzenten bleibt jedoch der Export: 20% der europäischen Produktion sind für den Export bestimmt. Damit verteidigte Europa eine Spitzenposition als größte Exportregion für Papier trotz des starken Wachstums in Asien.“

Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT): Die Branche ist von einem starken Preisdruck und hohem Investitionsbedarf gekennzeichnet. Zu dem weltweiten Zuwachs des Sektors um 3% auf ein Volumen von 4.400 Milliarden US-Dollar haben alle Länder beigetragen, wenngleich nicht zu gleichen Teilen.

Automobilsektor (Autobauer): Der weltweite Markt wird 2014 bei den Stückzahlen um rund 5% wachsen. China und die USA sind dabei die Haupttreiber des erwarteten Anstiegs. Der europäische Markt erholt sich nach einem 17-Jahres-Tief wieder zunehmend. Einige neu entstehende Märkte verzeichneten 2013 eine Stagnation und auch 2014 sehen die Experten dort eher schwache Wachstumsaussichten.

Der deutsche Automobilmarkt erholt sich seit Jahresbeginn zusehends und die Neuzulassungen sind gegenüber dem Vorjahr leicht gestiegen. Im Vergleich zu den deutschen Rekordzahlen Ende 2011 oder 2009 bewegt sich der Markt mit weniger als drei Millionen neu registrierten Fahrzeugen im Februar jedoch weiterhin auf relativ niedrigem Niveau. Dies führt in der Folge zu einem unverändert starken Wettbewerbsdruck.

„Im Gesamtjahr 2014 erwarten wir in Deutschland ein Marktwachstum zwischen 3 und 4% im Vergleich zu 2013“, sagte Nöthel. „Die Stärke der deutschen Autobauer bleibt jedoch auch künftig insbesondere der Export: In den vergangenen zwölf Monaten verkauften sie rund 78% der rund 5,5 Millionen in der Bundesrepublik produzierten Fahrzeuge ins Ausland. Die deutschen Autobauer profitieren auch in Zukunft von ihrer starken globalen Position und dem dynamischen Wachstum in den beiden sehr profitablen Märkten in China und den U.S.A. Euler Hermes bewertet die Perspektiven der Automobilindustrie in Europa und insbesondere auch in Deutschland deshalb weiterhin als positiv. Der Export bleibt für die deutsche Branche jedoch das wichtigste Schlüsselelement.“

Chemie: Der globalen Chemieindustrie bescheinigt Euler Hermes ein reales Wachstumspotenzial von 4% in 2014. Damit zeigt sich eine zunehmende Erholung nach einem Anstieg von lediglich 2,5% im vergangenen Jahr. Insbesondere der US-amerikanische Markt ist aufgrund von günstigeren Gaspreisen wieder erstarkt. Auch Asien wird im Laufe des Jahres Marktanteile gewinnen durch einen starken Anstieg der Nachfrage im Inland, Europa bleibt hingegen defensiv.

In 2013 verzeichnete die Chemieindustrie in Europa mit einem Minus von 0,8% im Vergleich zum Vorjahr einen leichten Rückgang, im letzten Quartal 2013 zog das Wachstum mit 2% jedoch an, was Grund zur Hoffnung für 2014 gibt. Der europäische Markt bleibt dennoch weiterhin volatil. Die Preise sind 2013 zwar insgesamt leicht gesunken (-0,8%), insgesamt bleibt das europäische Preisgefüge jedoch intakt und rangiert immer noch 12% über dem Niveau von 2008. In Deutschland bleibt das Branchenrisiko weiterhin niedrig.

Pharmaindustrie: Zunehmender medizinischer Bedarf lässt die Pharmaindustrie im laufenden Jahr um 4% anwachsen (2013: geschätztes Marktvolumen von 950 Milliarden). In den fünf reifen europäischen Ländern Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien stagniert das Wachstum mit einem erwarteten Zuwachs von 0,3%. Die Haupttreiber des globalen Zuwachses liegen außerhalb Europas, vor allem die asiatischen Länder (China) oder auch die USA („Obamacare“).

Lebensmittel und Einzelhandel: Widersprüchlicher Ausblick für 2014 in diesen Branchen: Das Geschäftsklima schwankt zwischen Erholung (sinkende agrare Beschaffungskosten), Unsicherheit (Wirtschaft) und Dynamik (regionale Möglichkeiten, Suche nach neuen Geschäftsmodellen).

Regionen: Asien & Pazifik (APAC) mit geringstem Risiko, Westeuropa mit dem höchsten
(Bewertung des Gesamtjahrs 2013, Länder nach ihrem Beitrag zum regionalen Bruttoinlandsprodukt gewichtet)

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Niedriges Risiko: robuste Entwicklung; sehr gute oder ziemlich gute Aussichten
Mittleres Risiko: Anzeichen von Schwäche, mögliche Verlangsamung des Wachstums
Erhebliches Risiko: strukturelle Schwächen
Hohes Risiko: bevorstehende oder bereits identifizierte Krise

Europa: Das Wachstum in Europa ist zu gering, um umgehend branchenweit für eine breite Erholung zu sorgen. Die Aussichten für den Einzelhandel und das Baugewerbe bleiben in weiten Teilen Europas unverändert schwierig - mit Ausnahme von Deutschland, wo beide Branchen relativ gute Aussichten verzeichnen. Viele europäische Unternehmen stehen weiterhin vor wichtigen Herausforderungen durch Wettbewerbsdruck und Finanzierung. In Westeuropa haben in 2014 nur 21% der Branchen ein niedriges Risiko, in Osteuropa sind es 26%.

Afrika und Mittelost: In Afrika und dem Mittleren Osten zeigt sich bei den ölexportierenden Ländern eine klare Verbesserung der Risikoprofile, vor allem in den Golfstaaten. Eine Stabilisierung zeigte sich auch in Südafrika und Marokko – trotz der Strukturschwächen in einigen Branchen (z.B. Textilindustrie) und zu einem geringeren Maße auch die Auswirkungen der Länder, die sich in einem politischen oder sozialen Umbruch befanden.

Nordamerika: Die Wirtschaftskrise in Nordamerika ist in den meisten Branchen wirklich nur noch im Rückspiegel sichtbar. Einige wenige Branchen wie das Baugewerbe, die Textilindustrie und der Luftverkehr schwächeln noch etwas und die Unsicherheit über das Tempo der Erholung bleibt. Dennoch sind die Aussichten wesentlich verbessert.

Lateinamerika: 2013 war in Lateinamerika kein Jahr der Wirtschaftskraft. Die erneut sichtbaren Schwachstellen in einigen Ländern durch verstärkt auftretende Währungs- und Finanzierungsrisiken, beeinflusste viele Sektoren negativ, insbesondere das Baugewerbe. Für die meisten Branchen und Länder bleibt 2014 ein mittleres Risiko.

Asien und Pazifik (APAC): Wie auch in den Vorjahren bleibt Asien und Pazifik die Region mit dem geringsten Branchenrisiko in 2014. Die Herausforderungen in 2014-2015 sind jedoch mit die größten: APAC startete 2014 mit strukturellen Schwächen in einigen Ländern, vor allem in der Textil, Metall- und Baubranche.

Neubewertung der Branchen zeigt Bereiche mit anhaltend ansteigendem Risiko. Die Nachfrage ist für die jeweilige Entwicklung in 2014 der wesentliche Treiber der weiteren Risikoentwicklung.
Seit Mitte 2013 hat sich das Gleichgewicht bei der Branchenrisikobewertung verschoben: Es wurden mehr Länder als im Vergleich zum Vorjahr risikoreicher eingestuft (78 im Gesamtjahr 2013) als umgekehrt (bei 67 sank die Risikobeurteilung).

Diesem grundlegenden Umschwung lagen regional und zeitlich unterschiedliche regionale Trends zugrunde:

  • Asien und Pazifik im Gesamtjahr insgesamt positive Risikoentwicklung, aber auf wenige Länder konzentriert (Australien, Indonesien, Malaysia, Philippinen)
  • Afrika und Mittelost stabil im 2. Halbjahr, vor allem in den Golfstaaten
  • Stabile Entwicklung in Nordamerika
  • Weiterhin steigendes Risiko in Lateinamerika trotz einer Verbesserung zum Jahresende 2013
  • Weiterhin insgesamt steigendes Risiko in Europa
  • Insgesamt zu Jahresbeginn 2014 in drei Branchen mehr risikoreiche Länder als im Vorjahr: Chemie, Lebensmittel und Metall.

In der neusten Analyse sinkt das Branchenrisiko in Mittelost weiter, steigt hingegen in Europa tendenziell weiter an. Drei Sektoren – Chemie, Metall, Halbleiter – verzeichnen den stärksten Anstieg der vorherrschenden Risiken. Die Top vier Branchen, bei denen das Risiko sinkt, sind elektronische Konsumgüter, Baugewerbe, Maschinenbau und Equipment sowie vor allem der Einzelhandel.

„In die Neubewertung mit einem geringeren Branchenrisiko fließt eine gute Nachfrageentwicklung in unsere Analyse etwas stärker ein als die Profitabilität und Finanzierungsfragen des jeweiligen Sektors – das gilt natürlich umgekehrt genauso für die Beurteilung eines steigenden Gefahrenpotenzials“, sagte Ludovic Subran.

Übersicht der Risiko-Neubewertung im 4. Quartal 2013

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Euler Hermes Deutschland AG, (Hamburg)
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