Länderbericht Niederlande

Auf dem aufsteigenden Ast

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niederlande

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Allgemeine Informationen

Bruttoinlandsprodukt: 853,54 Mrd. USD (BIP-Länderliste Rang 17, Weltbank 2013)
Bevölkerung: 16,8 Mio. (Rang 63 auf der Weltrangliste, Weltbank 2013)
Staatsform: Konstitutionelle Monarchie
Regierungsoberhaupt: Mark Rutte
Nächste Wahl: Parlamentswahlen 2017

Länderbewertung AA1kreis-geringes-risiko

Stärken

  • Wichtige Handelsdrehscheibe für Europa
  • Einer der größten Exporteure von Raffinerieerzeugnissen weltweit
  • Diversifizierte Exportstruktur
  • Hoher Leistungsbilanzüberschuss
  • Stabiler Staatshaushalt
  • Wirtschaftsfreundliches Klima
  • Stabile politische Bedingungen

Schwächen

  • Überproportionales Schuldenmaß belastet den Haushalt
  • Wohnungswirtschaft bleibt volatil
  • Hohe Langzeitarbeitslosenrate
  • Abhängig von europäischen Wirtschaftszyklus

Überblick zur Wirtschaftssituation

Wirtschaftliche Erholung gewinnt an Fahrt

Das BIP ist auch im ersten Quartal 2015 zum vierten Mal in Folge gewachsen (um 0,4 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Quartal). Die Kehrseite: das Wachstum war im Vergleich zum letzten Quartal 2014 nur noch halb so groß. Außerdem fiel es beträchtlich niedriger aus als noch zu Vorkrisenzeiten (0,7%) - siehe Grafik 1. Die Verlangsamung hat vor allem mit sinkenden Verbraucherausgaben zu tun. Der Konsum schrumpfte von +0,7% in Q4/2014 auf +0,3%. Während einige Haushalte aufgrund des allgemein hohen Schuldenlevels gerade kürzer treten, bringen steigende Immobilienpreise in Verbindung mit niedrigen Zinsen etwas Entlastung an der Sparfront. Die Erholung am Wohnungsmarkt (die Preise stiegen zuletzt fünf Quartale in Folge) sowie die guten Arbeitsmarktbedingungen (im Vergleich zum Vorjahresmonat fiel die Arbeitslosenquote von 7,9% auf 7% im März 2015) werden den Konsum weiter stützen. Das zeigt sich auch anhand der Zuversicht der Konsumenten; diese wächst unvermindert weiter.


Aus dem Bausektor kommen ebenfalls positive Signale. Dafür sprechen die Anlageinvestitionen. Sie haben im Vergleich zum vorangegangenen Quartal um 1,6% zugelegt. Auch die Auslastungsquote präsentiert sich stark. Im ersten Quartal lag sie so hoch wie seit Ausbruch der Krise nicht mehr. Die Nettoexporte wirkten sich positiv auf das BIP-Wachstum im ersten Quartal aus (+0,6 Prozentpunkte). Allerdings fiel die Leistungsbilanz im Vergleich zum vorangegangen Quartal unter dem Strich negativ aus, und zwar sowohl bei den Exporten (-0,1%) als auch bei den Importen (-1,1%).


Wir erwarten, dass das BIP-Wachstum 2015 auf +1,9% ansteigt. 2016 sollte die Wachstumsrate sogar dauerhaft die 2%-Marke halten. Damit läge das Wachstum über dem erwarteten Durchschnitt in der Eurozone von +1,5% beziehungsweise +1,6%.


Das Bauwesen erholt sich

Der Wohnungsmarkt holt auf: Die Preise liegen 4,4% über ihrem niedrigsten Level im Juni 2013. Damit rangieren die Immobilienpreise zwar immer noch satte 18% unter dem Rekord vom August 2008, aber dafür legten die Immobilienverkäufe im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 19% zu. Anzeichen der Erholung erreichen uns auch aus dem Bausektor. Gegenüber dem vorangegangenen Quartal stiegen die Investitionen um 2%. Auch die öffentlichen Ausgaben legten nach zuvor drei aufeinanderfolgenden Quartalen des Rückgangs nun endlich wieder zu (+0,7%). Das Vertrauen im Baugewerbe ist zurück. Die Anzahl der Baubewilligungen hat im Vorjahresvergleich um unglaubliche 68% zugenommen (allein seit dem vorangegangenen Quartal stieg die Zahl um deutliche 20%, siehe dazu Grafik 2). Ähnlich positiv zeichnet sich die Entwicklung bei Produktion und Beschäftigung in der Baubranche ab. Der Umsatz stieg im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 5,3%. Die Kombination aus höherem verfügbaren Einkommen und Optimismus wird den Hausbau 2015 deutlich beflügeln.


Plus an Aufträgen und geringerer Preisdruck sollten Umsatz der Unternehmen ankurbeln

Nachdem sich die Inflation in den vergangenen vier Monaten im negativen Bereich bewegte, hat sich die Rate im April wieder stabilisiert. Schuld an der Negativspirale war vor allem der extrem niedrige Ölpreis, der das ohnehin deflationäre Klima in der Eurozone nochmal verstärkt hatte. Dank der Lockerungspolitik der EZB und der wiedererstarkten inländischen Wirtschaft erwarten wir, dass sich die Inflation in den nächsten Monaten leicht erhöht (um durchschnittlich +0,7% in 2015). Trotzdem deutet sich beim Umsatzwachstum erst für 2016 ein Durchbruch in den positiven Bereich an (+1%) während es in 2015 wahrscheinlich mit -1% noch schrumpfen wird (siehe Grafik 3). Der Bruttobetriebsüberschuss nichtfinanzieller Kapitalgesellschaften* hat seinen positiven Trend seit Mitte 2014 fortgesetzt. Unterdessen tragen der niedrige Ölpreis und die verbesserten finanziellen Bedingungen (siehe Grafik 5) dazu bei, die Ertragskraft der Firmen zu steigern (siehe Grafik 4).


Zustand der Banken und Kredite hat sich verbessert – Schulden und Forderungsbestand bleiben aber bedenklich

Die EZB hat alle sieben niederländischen Banken auf ihre Aktiva-Qualität hin überprüft und die Geldhäuser im Oktober 2014 zudem einem Stresstest unterzogen. Dass die Banken allesamt die Prüfungen bestanden haben zeigt, wie erfolgreich sie zuletzt in Bezug auf die Stärkung von Bilanz, Eigenkapital und Rentabilität waren. Seitdem hat sich die Kreditvergabe an nichtfinanzielle Unternehmen erhöht (siehe Grafik 5), was die Investitionen 2015 weiter antreiben wird. Allerdings verharrt die Verschuldung der Unternehmen auf hohem Niveau (über 200% des BIP). Die Höhe der ausstehenden Forderung der Banken an die Schifffahrtsindustrie und im Immobiliensektor hat weiter zugenommen. Obgleich der Bankensektor stark genug ist, potentielle Auswirkungen der Verschuldungsmisere aufzufangen, bleibt trotzdem ein Restrisiko bestehen.


Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen stabilisiert sich

Die Unternehmensinsolvenzen sind 2014 um 19% zurückgegangen. Davor nahmen sie zwei Jahre lang in Folge im zweistelligen Bereich zu, was die Pleiten mit 9.400 Fällen schließlich auf einen neuen Rekordstand trieb. Unserer Einschätzung nach werden die Zahlen 2015 weiter sinken (-20%). Doch trotz dieses Rückgangs werden die Insolvenzen in diesem Jahr immer noch 33% über dem Niveau von 2007 liegen. Für 2016 erwarten wir einen Rückgang der Geschäftsaufgaben um 5%.


Hoher Verschuldungsgrad der privaten Haushalte, aber noch kein Grund zur Panik

Obwohl die Verschuldung der Haushalte weiter sehr hoch ist (222% des verfügbaren Einkommens 2013), sanken die ausstehenden Hypotheken 2014 um 6 Mrd. Euro. Verschiedene Faktoren haben in der Vergangenheit zu einer teilweise exzessiven Hypothekenpraktik geführt. Dazu zählten in erster Linie ein unbegrenzter Zinsfreibetrag, laxe Standards bei der Zinsvergabe sowie (eingeschränkte) Garantien von Seiten des Staates. Seit 2012 wurden diese Regeln aber verändert. Nicht zuletzt die Banken haben von diesem Kurswechsel profitiert. Sie stehen jetzt gesünder da als vorher.


Nicht überraschend ist es zudem, das sich im oberen, einkommensstärksten Viertel der Privathaushalte auch das beste Verhältnis der Zinszahlungen zum Wert des jeweils finanzierten Objektes findet, während hingegen sich im unteren, einkommensschwächsten Viertel analog dazu das schlechteste Verhältnis von Zins zu Wert anfindet. Das – zusammen mit dem starken Vermögenswert niederländischer Haushalte – reduziert das Ausfallrisiko. Je mehr sich die Immobilienpreise erholen, desto stärker sollten die Risiken im Wohnungs- und Finanzsektor abnehmen. Dennoch gilt hier: Sofern die Einkommen nicht mit der Preisentwicklung mithalten können, droht eine Immobilienblase. Das aktuelle Verhältnis zwischen Preis und Einkommen liegt bereits jetzt bei 16,8.




Letzte Änderung: 26.10.2015